Der Biergarten

Der Biergarten zu Malsch heute
Der Biergarten zu Malsch heute

Beim Betreten des großen Platzes hinter dem Rathaus und der Hebel-Grundschule ahnen die Gäste nicht, dass sie über einem tiefen Keller Platz genommen haben.
Dies ist jedoch allgemein in Biergärten so üblich. In vielen Regionen Bayerns, dem Ursprung der Biergärten seit dem 16. Jahrhundert, sagt man noch heute, man gehe "auf den Keller", wenn man einen Biergarten besucht. 

Die Zeit im Großherzogtum Baden um 1860 war politisch und wirtschaftlich ungefestigt. Durch Missernten und Hungersnot war das Landleben hart. Sogenannte "Mitesser" wurden dafür bezahlt, auszuwandern.
Der Pfälzer Johannes Kunz hatte sich trotz aller Nöte in Malsch als zweifacher Wirt des Löwen und der Krone etabliert. Und er begann 1860, trotz der schweren Zeit, mit dem Bau eines Biergartens.Am 1. Mai 1862 wurde der Biergarten mit einer überdachten Holzkegelbahn und einem 8,50 Meter hohen, doppelstöckigen Eiskeller und fünf Gewölben, eröffnet.
Kunz braute bis 1900 sein eigenes Bier. Jetzt auch für seine vierte Gaststätte, die Linde. Weil das industrielle Bierbrauen zunehmend wirtschaftlicher wurde, ließ er sich dann durch die Brauerei Hatz aus Rastatt beliefern.
Das Eis wurde im Winter auf dem gefluteten "Palm" (Wiesengelände bei den heutigen Einkaufsmärkten in der Sézanner Straße) in Blöcken geschlagen und in den unteren drei Raumen eingelagert. Die Eisstücke von bis zu 20 Zentimetern Dicke und bis zu einem Quadratmeter wurden herausgesägt und mit einem Pferdefuhrwerk zum Eiskeller gebracht.

1919 wurde die Liegenschaft für 16.000 RM an den Turnverein Malsch verkauft. 1925 übernahm der erste Pächter Valentin Kunz den "Sommerwirtschaftsbetrieb auf dem Biergartengrundstück". Zu dieser Zeit war der Garten mit Obstbäumen bepflanzt. Alljährlich wurde die Obsternte versteigert. Die ersten Kastanienbäume wurden etwa 1930 gepflanzt, als Valentin Reichert als Pächter die Schanklizenz erhielt. Otto Reichert war von 1927-1928 neuer Pächter . Als jahrelanger 1. Vorsitzener des Turnvereins kannte er sich in allen Belangen aus. In diesen Jahren wurden die Wirtschaftsgebäude instandgesetzt und die Turnhalle um einen Vorbau vergrößert. Anfang der 1930er Jahre investierte der Verein 7000 Reichsmark für einen Hallenneubau.
Als zu Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft es Vereinen verboten war, derartige Geschäfte zu unterhalten, verkaufte der Verein wegen drohender Enteignung das Anwesen am 1.Mai 1939 an Ludwig und Theresia Muck für 12.000 Reichsmark. TVM Mitglieder konnten die Turnhalle, Umkleideraum und Lokal weiterhin nutzen.
Bereits 10 Jahre hatte zu dieser Zeit der Kegel-Club "alle Neune" die Kegelbahn in Beschlag. Theresia bewirtschaftete die Sommerwirtschaft fast alleine; ihr Mann hatte in Malsch seinen eigenen Pflasterbetrieb.
1939 wurde der Keller für Luftschutzräumen bereitgestellt. Hierfür wurden die Decken mit drei Schichten Baumstämmen verstärkt.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs fanden viele Heimatvertriebene eine erste Zuflucht in Malscher Gasthäusern. Ludwig Muck wurde für den Biergarten mit 25 Reichsmark monatlich kärglich entschädigt.
Die Wirtschaftswunderjahre begannen.
Bereits 1959 wurde die ursprüngliche Kegelbahn modernisiert und die Kegeljungen verloren ein gutes Taschengeld. Der Biergarten war in den Sommerfesten für viele Vereinsfeste der ideale Austragsungsort.Musikfeste und Sportveranstaltungen standen in den 1950 und 1960ger Jahren jede Woche auf dem Programm. Auf den Kegelbahnen rollten die Kugeln.
Das Schauturnen des Turnvereins im Biergarten wurde Tradition. Mit eigener Musikkapelle unter dem Dirigenten Karl Deubel – Malsch weit bekannt als Büttelschell – spielte der Turnverein auf. Überhaupt hatte der Turnverein 80 Jahre lang maßgeblichen Anteil an dem Geschehen im Biergarten.
Neue Wirtschaftsräume und eine Gaststube konnten nun auch im Winter Gästen offen stehen. Den Biergarten übernahmen 1978 die Tochter der Familie Muck, Helga und deren Ehemann Heinz Sapper.
Das Nutzungsrecht des Turnvereins für die Turnhalle wurde abgelöst; ein modernes Fitness-Studio zog ein.
Musik war angesagt. Patrizius, alias Walter Leykauf, war nicht nur Komponist, sondern schmetterte bei vielen Auftritten auch selbst seinen Superhit "Aber dich gibt's nur einmal für mich".
Einmalig ist der Biergarten immer geblieben.
Zwischen 1998 und 2000 führten Anneliese und Lothar Schnepf den Biergarten.
Alice Sapper pachtete zunächst das Anwesen und kaufte es 2007. Sie führte den Betrieb bis zur Neueröffnung des Biergartens 2020 durch Hardy Schröder, wo heute weiterhin unter 100 Jahre alten Kastanienbäumen so manche bayrische Weißwurst, made in Baden, gezuzelt wird.
Kühl weht der Wind im grünen Kastanienblattwerk, herrlicher feinwürziger Hopfenduft und Speisen verheißen einen schönen Sommerabend im Malscher Biergarten.

7.4.1923 Mittelbad. Courier
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