Exkurs in das Malsch 1928

Malsch Luftaufnahme 1928
Malsch Luftaufnahme 1928
Mittelbadischer Courier 15.10.1928
Mittelbadischer Courier 15.10.1928

Einmal der gesamte Ort in einem Luftbild aus dem Jahre 1928 und ein Presseartikel, vom 15.10.1928 im Mittelbadischen Courier, der "Malscher Brief", laden ein, dem Jahr 1928 mehr Beachtung zu schenken. 

Die Probleme von vor fast 100 Jahren und heute gleichen sich
Die von 1918-1929 wütende Pandemie der Spanischen Grippe, korreliert mit der Pandemie durch Corona. In einer Pressemeldung von 1928 heißt es: " Leere Straßen, leere Züge. Kneipen, Restaurants, Theater und Kinos – alles geschlossen". Heute nennen wir es Lockdown.


Die Stimmung des "Malscher Briefes" kann als positiv gesehen werden. Malsch befand sich in den Goldenen Zwanzigern. Obwohl erst zehn Jahre nach Kriegsende und fünf Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, durch die weite Teile der deutschen Bevölkerung verarmten, hatte die Gemeinde 300.000 Mark für den Wohnungsbau angespart.


Bis Mitte 1920 wurden für 100.000 Mark mehrere Wohnungen im Amtfeld durch die Gemeinnützige Baugenossenschaft Malsch geschaffen, die bereits 1919 gegründet wurde, nachdem 50 fehlende Wohnungen festgestellt wurden. Beraten wurde Malsch hier von Gerichtsassessor Heiß vom Badischen Landeswohnungsverein. Bis 1922 wurde im Amtfeld ein neues Baugebiet erschlossen.
Es wurde auch im Inflationsjahr und in der Folgezeit gebaut. Der Erfolg zeigte sich darin, daß in Malsch auf 100 Wohnungen lediglich 0,3 Haushalte ohne eigenen Wohnraum waren. Der Landesdurchschnitt lag nach einer Wohnungszählung im Jahre 1927 bei 2,5 Haushalten.

Malscher Brief
"Malsch ist eine regsame, große Gemeinde, die immer mehr in den Charakter einer Stadt hineinwächst. Ein Geist des Zusammenhalts, der von den Behörden des Rathauses gepflegt und wirksam unterstützt wird, wird vor Allem angetroffen. Nicht nur, daß sich Malsch durch zahlreiche Neubauten vergrößert hat, es hat auch das Bestreben, sich verkehrstechnisch der Neuzeit anzupassen. Man hat erkannt, daß es in der Zukunft manche Verkehrsfrage zu lösen gibt und hat unter Führung des rührigen Gewerbevereins am vergangenen Donnerstag eine Versammlung sämtlicher Vereine in den Kronensaal einberufen, zu der sich Vertreter des Gemeinderats, der Schule und der Kirche gesellten.
Die Absicht, einen Verkehrsverein zu gründen, kann mit der Wahl eines vorläufigen Vorstandes und einer 12-gliedrigen Kommission als verwirklicht gelten. Ein Redner spach über das Thema: "Wie waren die Verkehrsverhältnisse Malschs früher, wie sind sie heute und wie sollten sie sein".

Es bot sich dabei in der Schilderung eines Spazierganges durch die Eisenbahn- und Hauptstraße zur Kirche und zum Friedhof Gelegenheit zu kritischer Betrachtung und Anregung verbessernder Vorschläge. Man darf hoffen, daß mit der Zeit und nachdrücklicher Tatkraft das herrlich in den Vorbergen des Schwarzwaldes gebettete Dorf den Platz unter den Orten Badens sich erobern wird, der ihm Dank seiner Schönheit gebührt.
Sonst wird in Malsch immer viel geboten, die Wirte empfehlen neuen "Pfälzer" mit Kastanien als Spezialität, der "Neue Malscher" wird in dieser Woche geherbstet, ein guter Tropfen kann es schon werden, hat man ihn doch lange dem Stock belassen.
Zu einer neuen Einschärfung der Bestimmungen zur Sicherheit der Gesundheit und Reinlichkeit soll auch erreicht werden, daß Malsch einen sauberen Eindruck macht. Es wird insbesondere auf die wöchentlich zweimalige Reinigung der offenen Hofräume abgehoben.
Der Bürgerausschuß beschäftigte sich in letzter Woche mit der Einführung von Wassermessern, die man überall obligatorisch einführen will, um der Wasserverschwendung zu begegnen. Der Wasserzins für den Kubikmeter sollte von 16 auf 18 Pfg. erhöht werden, doch fand sich nach einer eingehenden Schilderung der Notlage des Landwirts durch den Karl Kunz keine Mehrheit für die Erhöhung.
Erwähnt zu werden verdient noch die Summe von 300.000 M., die seit 10 Jahren in Malsch zur Behebung der Wohnungsnot aufgebracht wurde. Man will aber jetzt mit den Zinszuschüssen mit Ende der Bauperiode 1928 Schluß machen, da die Wohnungsnot als beseitigt gelten kann.


Zeitungsbericht Mittelbadischer Courier 15.10.1928

Badische Presse 25.2.1928
Badische Presse 25.2.1928

Sauberkeit und Ordung ist oberste Pflicht

Nicht nur die Anwesen sollten regelmäßig gereinigt werden, wie im Malscher Brief gefordert; in der Badischen Presse wurde am 25.2.1928 berichtet, daß auch es polizeilich verordnet sei, bei Beerdigungen nur mit guter Kleidung zu erscheinen. Unsaubere Gaffer sollen namentlich veröffentlicht werden. 


Der neu gegründete Verkehrsverein forderte im Oktober 1928 auch eine bessere Reinigung der Straßen und des Dorfbachs, Automaten für Postwertzeichen, Litfaßsäulen, Sitzbänke im Bergwald und genügend Betten für Feriengäste. 

Kommunalpolitisches 1928

Im Jahr 1928 wurde die Gemeinde Malsch von Bürgermeister Karl Deubel verwaltet. Er amtierte von 1919 bis 1933.  Seine Amtszeit war geprägt von der schwierigen Konsolidierung nach dem Ersten Weltkrieg und der Bewältigung der wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik. Er blieb bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Amt, als er durch einen NS-nahen Nachfolger (Ludwig Hauk) ersetzt wurde.

Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 zeigte sich in Malsch – wie in vielen katholisch geprägten Orten Badens – eine starke Stellung des Zentrums, während die NSDAP noch eine Splitterpartei blieb.Ergebnisse im Überblick (ca.-Werte für die Region/Malsch):

  • Zentrumspartei: Blieb mit deutlichem Abstand die stärkste Kraft im Ort (oft über 50-60 % in dieser Zeit).
  • SPD: Zweitstärkste Kraft, stabil in der Arbeiterschaft verwurzelt.
  • KPD: Verzeichnete 1928 leichte Zugewinne (deutschlandweit stieg sie auf ca. 10,6 %, in Malsch meist etwas darunter).
  • NSDAP: Spielte 1928 in Malsch keine bedeutende Rolle und lag bei den Kleinstparteien (reichsweit nur 2,6 %).